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Ergotherapie Master vernetzt die Ergotherapie-Forschung in Europa
Interview mit Daniela Senn
Namhafte Schulen in Europa, darunter das Karolinska Institut in Schweden, welches den medizinischen Nobelpreis vergibt, streben mit dem European Master of Science in Ergotherapie eine Qualitätsverbesserung im Berufsfeld an. Wie soll dieses Ziel erreicht werden?
Der Fokus des Europäischen Masters ist die ergotherapeutische Forschung. Damit wird die Wissensbasis des Berufs erweitert. Die Qualität der Ergotherapie möchten wir verbessern, indem Forschung zu Alltagshandlungen von Menschen von den Studierenden gelesen, verstanden, kritisch hinterfragt und, wo sinnvoll und möglich, in die Praxis umgesetzt wird. Nach dem Abschluss sind die Absolventinnen und Absolventen befähigt, in Forschungsprojekten mitzuwirken und Forschungsresultate für die praktische Arbeit zu nutzen. Mit diesem Masterstudiengang wird die akademische Entwicklung der Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten in Europa unterstützt. Ziel ist es, die ergotherapeutische Versorgung und somit die Lebensqualität unserer Klientinnen und Klienten zu optimieren.
Welche Rolle spielt die Ergotherapie-Forschung in Europa?
Die nordeuropäischen Länder betreiben bereits seit fast zwei Jahrzehnten entsprechende Forschung. In der Schweiz ist das Feld noch nicht so lange beackert. Im Sinne unserer Patientinnen und Patienten müssen wir mehr Wissen gewinnen über Alltagshandlungen und entsprechende Störungen. Menschen, die ergotherapeutische Hilfe brauchen, klagen zum Beispiel über Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit Übergängen zwischen Lebensphasen. Dies sind etwa Kinder, welche Schwierigkeiten beim Eintritt in die Schule zeigen, oder Personen, die nach Eintritt in das Pensionsalter eine reaktive Depression entwickeln. Ergotherapeutinnen und –therapeuten sind auch konfrontiert mit Menschen, die aufgrund chronischer Schmerzen Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen oder die nach einer Hirnverletzung versuchen, sich erfolgreich im Beruf zu reintegrieren.
In der Schweiz besteht Bedarf nach ergotherapeutischen Erhebungsinstrumenten, so genannten Assessments, um gezielt die Problemstellungen dieser Klientinnen und Klienten zu erfassen. Solche Instrumente fehlen oder sind zum Teil noch nicht an den deutschen Sprachraum angepasst worden. Am Departement Gesundheit laufen derzeit zwei entsprechende Forschungsprojekte. Nordamerikanische Instrumente werden in die deutsche Sprache übersetzt, kulturell angepasst und validiert. Wir wollen und müssen die Problemstellungen unserer Klientinnen und Klienten optimal erfassen, um die Therapie zielgerichtet mit den Betroffenen zu planen und Behandlungen zu überprüfen. Dazu sind wir nicht zuletzt im Rahmen des Krankenversicherungsgesetz (KVG) verpflichtet.
Warum ist der internationale Austausch eine wichtige Basis für den Europäischen Masterstudiengang in Ergotherapie?
In der Schweiz handelt es sich um eine kleine Berufsgruppe mit knapp 3000 Ergotherapeutinnen und -therapeuten. Für uns ist der internationale Austausch besonders wichtig, um vom reichhaltigen ergotherapeutischen Wissen der skandinavischen Länder, der Niederlande und Grossbritannien profitieren zu können. Mit Englisch als Unterrichtssprache bekommen die Studierenden Zugang zur angelsächsischen Literatur und gewinnen zudem im multikulturellen Mix der Teilnehmenden ein tieferes Verständnis für Menschen mit Migrationshintergrund.
Anfang Dezember wurde in Winterthur erstmals das neue Mastermodul durchgeführt. Wie ist das Modul aufgebaut, wer doziert?
Unser Angebot in Winterthur ist eines von sechs Modulen. Es dauert zwölf Wochen und umfasst drei Phasen: individuelles Vorbereitungsstudium, zwei Wochen Kontaktstudium und nachbearbeitendes Selbststudium mit einem Leistungsnachweis. Unser Thema sind ergotherapeutische Assessments, die quantitative Datenanalyse und der Effektivitätsnachweis von ergotherapeutischen Massnahmen. Ich leite das Modul zusammen mit Anders Kottorp, unserem Mitarbeitenden vom Karolinska Institut in Stockholm. Zu den Dozierenden gehören neben anderen Julie Page, Leiterin Forschung des Instituts für Ergotherapie und ihre Mitarbeiterinnen. Als Gastreferentin konnten wir Esther Steultjens aus den Niederlanden gewinnen.
Sie sind Leiterin des Masterstudiengangs Ergotherapie und haben den European Master of Science selber besucht. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wie hat sich Ihre berufliche Situation verändert?
Der Master hat mir Türen geöffnet. Innerhalb meiner klinischen Arbeit wurde es mir immer wichtiger, die Wirkungen ergotherapeutischer Interventionen besser zu verstehen. Der Master hat mir die Augen für die Breite der berufsspezifischen Forschung geöffnet. Spannend war die internationale Zusammensetzung der Studienkohorte. So konnte ich mich zum Beispiel mit erfahrenen niederländischen Kolleginnen auch ausserhalb der Seminare zur beruflichen Rehabilitation in Holland austauschen. Der Masterstudiengang stärkte meine Identifikation mit dem Beruf. Er gab mir Wissen in die Hand und fundierte Entscheidungsgrundlagen für die Therapiegestaltung. Ausgestattet mit neuen internationalen Erkenntnissen war ich dann motiviert, diese Kenntnisse weiterzugeben. Jetzt ist mir dieses Wissen eine solide Grundlage für meine aktuelle Tätigkeit als Dozierende im Bachelor- und Masterstudiengang.
In der Schweiz wird derzeit das Berufsbild Ergotherapie diskutiert. Welche Rolle spielt dabei der MSc in Ergotherapie?
Verglichen mit angloamerikanischen oder skandinavischen Ländern hatten wir in der Schweiz bisher einen starken erfahrungsbasierten Zugang zur Ergotherapie. Nun nutzen wir die Chance, diese Erfahrung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu untermauern, die Effektivität aufzuzeigen oder neue therapeutische Zugänge zu entwickeln. Dafür braucht es sowohl die erfahrenen Praktikerinnen und Praktiker wie auch die Kolleginnen und Kollegen mit wissenschaftlichem Hintergrund.
Im November hatten wir eine Veranstaltung mit Vertreterinnen und Vertretern vom Berufsverband, der Ergotherapie-Praxis, den Fachhochschulen und der Ergotherapie-Forschung, an der wir gemeinsam die Zukunft des Berufsfeldes diskutiert und wesentliche Eckpfeiler identifiziert haben. Dies ist ein wichtiger Schritt für die Integration von Praxis, Lehre und Forschung. Und genau dies betrachte ich als meinen Auftrag an der ZHAW.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ania Biasio.
Programm Alumni-Treffen (PDF, 93 KB)
Medienmitteilung
Ergoscience: Der Europäische Ergotherapie-Master in Neuauflage (PDF, 55 KB)
Erfahrungsbericht Andrea Citrini (PDF, 52 KB)
Masterthesis Andrea Citirini: my batteries are always full (PDF, 16 KB)



